Archive für Juni 2009

Carl Simonton ist tot

Durch Zufall erfahre ich, dass Carl Simonton gestorben sein soll. Irgendwie ist diese Nachricht erst einmal ein Schock für mich. Vor gut drei Jahren durfte ich ihn während einer Patientenwoche in Bad Zwesten persönlich kennen lernen. Ich war von seiner absoluten Ausgeglichenheit und Ruhe, die er ausstrahlte und mit der er uns sein Programm vermittelte, sehr fasziniert. Dies setzte sich in dem persönlichen Gespräch, das mein Mann und ich mit ihm führten, fort. Und nun sollte er einfach nicht mehr leben? So alt war er doch noch gar nicht …

Weder auf der Homepage des deutschen Simonton Cancer Centers noch auf der des SCC in den USA ist eine offizielle Meldung zu lesen. Ist es etwa nur ein Gerücht? Aber wer sollte daran ein Interesse haben? Oder ist er vielleicht eines schrecklichen, gar gewaltsamen Todes gestorben? Das stünde ganz im Gegensatz zu seinen Überzeugungen, die er im Zusammenhang von Tod und Sterben lehrte! Denn er war davon überzeugt, dass wir so sterben, wie wir leben … Wie sollte ich mit einer solchen Situation umgehen? Was würde das für mich persönlich bedeuten?

Endlich erfahre ich heute, dass es zumindest eine offizielle, bislang SCC-interne Mitteilung zum Tod von Carl Simonton gibt. An einem wunderbaren Tag, dem 18. Juni 2009, erstickte er während einer Mahlzeit. Er konnte zwar noch einmal reanimiert werden, verstarb dann aber später ganz ruhig im Kreise seiner Familie. Ich bin erleichtert, denn selbst mit seinem Tod ist mir Carl Simonton keine Antwort schuldig geblieben. Nein, für mich hat er ein erstrebenswertes Ziel bereits erreicht und erfolgreich umgesetzt:

Plane, als würdest du ewig leben
und sei bereit, heute zu sterben!

Ich danke Carl Simonton für alles, das er in meinem Leben bisher bewirkt hat und noch immer bewirkt! Mit jedem Tag meines Lebens werde ich ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Das verspreche ich mir selbst, denn auch ich plane für mich ewiges Leben und arbeite an meiner Bereitschaft, heute zu sterben.

Blick in den Abgrund

Letzten Samstagabend habe ich durch Zufall einen Knubbel an meinem linken Unterarm ertastet.

Sofort ging mir die Düse, mein Herz raste und ich dachte nur noch: Oh nein, bitte nicht schon wieder!!! Im ersten Moment hatte ich ein Déjà-vu, denn so ähnlich hatte es ja damals mit meinem Brustkrebs begonnen. Im zweiten Moment dachte ich nur noch: Nein, ich will leben! Ich habe so viel vor und geplant, das lasse ich mir nicht nehmen! Ich will mindestens 80 Jahre alt werden, meine Kinder groß ziehen und Oma werden - komme was oder wer da wolle! Sicherheitshalber schickte ich dennoch meine weißen Blutkörperchen gedanklich blitzschnell auf die Reise in meinen Arm, um sich das Ding mal anzuschauen und alles Notwendige zu unternehmen und notfalls voll anzugreifen. Später versuchte ich mich mit Atemübungen zu beruhigen und zum Einschlafen zu bringen, da ich am Wochenende ohnehin nichts würde unternehmen können.

Da ich auf Reisen war, entschied ich mich dafür, am Montag zunächst einen Chirurgen aufzusuchen und ihm nichts von meiner Krankengeschichte zu erzählen, da ich hören wollte, wie er den Knubbel völlig unvoreingenommen einschätzen würde. Ich selbst hatte bereits gefühlt hatte, dass der Knubbel glatt und klar vom umliegenden Gewebe abgegrenzt war und sich zudem frei verschieben ließ, so kam der Chirurg dann auch zu dem Ergebnis, es sei ein  ”Lipom”, also ein gutartiger Fettgewebsknubbel. Als ich ihn dann jedoch auf meine Vorerkrankungen hinwies, wurde es etwas zögerlich und zurückhaltend. Sein Angebot, mir das Ding mal eben rauszuschnippeln, lehnte ich dankend ab.

Heute hatte ich dann einen kurzfristigen Termin im Brustzentrum der Münsteraner Uni-Klinik. Als die Ärztin sich meinen Unterarm anschaute und den Knubbel abtastete, meinte sie: “Wie eine Haut-Metastase sieht das auf keinen Fall aus, aber wir machen sicherheitshalber noch einmal einen Ultraschall.” Wow, das saß. Ich war zwar schon irgendwie innerlich darauf vorbereitet, dass sich auch etwas Ungutes ergeben könnte - irgendetwas Neues, ein Lymphom o.ä. vielleicht. Aber eine Metastase? Nein, die hatte ich überhaupt nicht auf dem Schirm! Schließlich kann doch nicht sein, was nicht sein darf! Meine Gesichtszüge müssen total entgleist sein, denn die Ärztin versuchte mich umgehend zu beruhigen. Es fühle sich an wie ein Lipom und gar nichts, aber auch wirklich gar nichts würde auf eine Meta hinweisen. Das bestätigte sich dann auch im Ultraschall.

Heute Abend habe ich das Gefühl, sehr tief in den Abgrund geschaut und mich noch einmal an einem dünnen Seidenfaden wieder zurückgezogen zu haben. Mir ist wieder einmal klar geworden, dass sich alles im Leben von einem Moment zum anderen ändern kann. Ich habe mir gerade in den letzten Monaten, Wochen und auch Tagen sehr viel selbst zugemutet und bin kräftemäßig bis an meine Grenzen gegangen. Dieses Erlebnis hat mein Bewusstsein gestärkt, mich wieder mehr mit mir selbst und dem mir Wichtigsten zu befassen!

“Eine Botschaft der Liebe deines Köpers!” würde Carl Simonton mir wohl dazu nur sagen und ich sehe ihn vor meinem inneren Auge dabei sogar gefällig nicken. ;-)

Die schönste Erkenntnis nach diesem Erlebnis ist für mich allerdings, dass es nach all den Höhen und Tiefen in den vergangenen Jahren und auch Monaten bei mir nun endlich klick gemacht hat, den ich habe mich endlich aus tiefstem Herzen und mit voller Überzeugung entschieden - für mein LEBEN!

*** HURRA, HURRA, YIPPIEHHHH ***

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